Heimatsucher Ausstellung: Lebendig vermittelte Geschichte

(pm) Erst ist es einen kurzen Moment lang still. Dann sagt Alina Stamm: „Das, was uns im Unterricht vermittelt wurde, hat gerade ein Gesicht bekommen.“ Gemeinsam mit neun Mitschülerinnen und Mitschülern der Berufsbildenden Schulen im Marienheim Osnabrück-Sutthausen (BBS Marienheim) hat die junge Frau die Ausstellung „Heimatsucher“ angesehen. Anhand persönlicher Erzählungen von Überlebenden der Verfolgung durch die Nationalsozialisten macht diese Ausstellung Geschichte begreifbar. Die Erzählungen zeigen, dass die Betroffenen aus einem normalen Leben herausgerissen wurden, wie sie um ihr Leben kämpften und wie sie nach dem zweiten Weltkrieg versucht haben, das Trauma zu verarbeiten und zur Normalität zurückzukehren.
Michael Prior ist von der Ausstellung „Heimatsucher“ und von der Arbeit des gleichnamigen Vereins beeindruckt: „Es ist toll, dass sich so viele junge Menschen mit dem Thema befassen, wie sie die Geschichten in sich aufgesogen haben und jetzt vermitteln“, sagt der Geschäftsführer der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung. Die Stiftung unterstützt es finanziell, dass die Ausstellung noch bis zum 9. April im Osnabrücker Forum am Dom zu sehen ist.
Gegründet im Jahr 2010 als Studienprojekt vermitteln bei „Heimatsucher“ vor allem junge Menschen die Geschichte von Verfolgten des Nationalsozialismus. Sie besuchen die Überlebenden, hören ihre Geschichte an, schreiben sie auf und erzählen sie mithilfe von Ausstellungen und Schulbesuchen weiter. Denn direkte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt es nicht mehr viele und es werden mit der Zeit immer weniger. Damit lebendige Geschichte nicht verstummt, erzählen die „Heimatsucher“ die persönlichen Lebenswege weiter und werden so zu „Zweitzeuginnen“ und „Zweitzeugen“.
Wie auch Vanessa Eisenhardt, die die Schülerinnen und Schüler der BBS Marienheim durch die Ausstellung im Forum am Dom führt und sie anschließend anregt, sich in Kleingruppen näher mit einer Person aus der Ausstellung zu befassen, um deren Schicksal anschließend in einem kurzen Vortrag vorzustellen. „Über Mitgefühl gelingt ein anderer Zugang als über Zahlen“, sagt die Studentin aus Dortmund, die seit 2015 im Verein „Heimatsucher“ aktiv ist und sie ergänzt: „Wir bekommen aus den Klassen ganz viel zurück.“
„Wir veranstalten in der Schule gerade eine Projektwoche über Lebensräume“, erläutert Inta Knor, Lehrerin an der BBS Marienheim, den Anlass des Besuchs ihrer Klasse in der Ausstellung. Dabei sei es auch um den Begriff Heimat gegangen und die Frage, was mit Menschen passiert, die ihre Heimat verlassen müssen. „Da kam uns diese Ausstellung sehr gelegen“, sagt Knor, die mit ihrer Gruppe auch das Felix-Nussbaum-Haus und eine Unterkunft für Flüchtlinge besucht haben. „Ein paar Flüchtlinge haben uns gefragt, wie wir es geschafft haben, nach dem zweiten Weltkrieg das Land wieder aufzubauen“, erzählt Lea Mohs von einem Moment, der Geschichte ins Heute geholt hat.
Gemeinsam mit Klara-Sophie Löhr und Alina Stamm hat Lea die Lebensgeschichte von Frieda Kliger für einen kurzen Vortrag aufbereitet. Die drei sind sichtlich beeindruckt von der Frau, die im Warschauer Ghetto gelebt hatte und über den Todesstreifen ging, um bei ihrer Familie zu bleiben, als das Ghetto liquidiert wurde. Dennoch hat sie überlebt und ist nach dem Krieg mit ihrem Mann nach Israel gegangen. Als die Schülerinnen und Schüler am Ende der Führung von Vanessa Eisenhardt angeregt werden, einen Brief an eine Person aus der Ausstellung zu schreiben, setzen sich auch die drei hin und verfassen einige Zeilen an Frieda Kliger. „Dieses Konzept eines neuartigen Zugangs zu der Zeit des Nationalsozialismus zeigt eine großartige Wirkung“, sagt Michael Prior.
Die Ausstellung „Heimatsucher“ ist noch bis Sonntag, 9. April, im Forum am Dom zu sehen. Einige Führungen für Schulklassen (ab Klasse 4) und andere Gruppen sind auf Nachfrage noch möglich. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Kontakt: 0541/318-280. Mehr unter www.heimatsucher.eu
Bildunterschrift: Mit dem Schicksal der Jüdin Frieda Kliger haben sich Klara-Sophie Löhr, Lea Mohs und Alina Stamm (von links) in der Ausstellung „Heimatsucher“ beschäftigt. Fotohinweis: Bohnenkamp-Stiftung/Marie-Luise Braun